Hildegard von Bingen

Namenstage: Hildegard

Funktion: Heilige, Benediktinerin, Mystikerin, Autorin, Heilkundige, Klostergründerin, Äbtissin

Gedenktag: 17. September

Patronat: der Esperantisten, Sprachforscher, Naturwissenschaftler

Hildegard wurde vermutlich im Jahr 1098 als Kind des Edlen Hildebert von Bermersheim bei Alzey (Rheinhessen, südlich von Mainz) geboren. Von Anfang an war sie ein kränkliches und schwächliches Kind. Mit ungefähr acht Jahren wurde sie in das Kloster Disibodenberg geschickt, wo sie von ihrer Verwandten, Jutta von Sponheim (Heilige), erzogen wurde.
Als Jutta 1136 verstarb, übernahm Hildegard die Leitung der Frauengemeinschaft als Priorin. Immer wiederkehrende Krankheiten und eine schwache Konstitution begleiteten Hildegard ein Leben lang, hielten sie aber nicht davon ab, Reisen zu unternehmen und 1150 ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen zu gründen (heute nicht mehr vorhanden).
Seit dem Kindesalter hatte Hildegard Visionen, und sehr früh wurde ihr nachgesagt, sie besäße die Kraft der Weissagung und sei eine Prophetin. Sie scheute sich nicht, den Klerus in seiner Lasterhaftigkeit anzuklagen, und sprach bzw. schrieb manch offenes und unbequemes Wort. Berühmte Persönlichkeiten wie Kaiser Friedrich Barbarossa suchten ihren Rat und mussten sich von ihr zu wahrer Gottgläubigkeit ermahnen lassen.
Ihre Visionen bewegten Hildegard dazu, mehrere religiöse Schriften zu verfassen, die sich u. a. mit der Auslegung der Bibel beschäftigten, aber auch kritische Betrachtungen des herrschenden Zeitgeistes waren (z.B. »Scivias « = »Wisse die Wege«; »Liber Vitae Meritorum« = »Buch des verdienstlichen Lebens«). Auch wenn sie etwa die weltlichen Laster des Klerus verurteilte, stellte sie sich nie grundsätzlich gegen die Kirche. Ihre eigene Person versuchte sie möglichst im Hintergrund zu halten und betonte, sie sei nur eine Art Sprachrohr für das Göttliche. Bernhard von Clairvaux (Heiliger) bestärkte Hildegard in ihrer Tätigkeit und trug selbst dafür Sorge, dass die Veröffentlichung ihrer Werke von Papst Eugen III. (Seliger) genehmigt wurde.
In einer Predigt, die Hildegard in Köln vor versammeltem Klerus hielt, sagte sie zu diesem: »Ihr seid eine Nacht, die Finsternis ausatmet, und wie ein Volk, das nicht arbeitet. Ihr liegt am Boden und seid kein Halt für die Kirche, sondern ihr flieht in die Höhle eurer Lust. Und wegen eures ekelhaften Reichtums und Geizes sowie anderer Eitelkeiten unterweist ihr eure Untergebenen nicht. Ihr solltet eine Feuersäule sein, den Menschen vorausziehen und sie aufrufen, gute Werke zu tun.« Kein Wunder, dass sich bei so harschen Worten Kritiker zu Wort meldeten, die ihre Reden und Schriften für Teufelswerk hielten. Eingaben an die Bischöfe wurden weitergeleitet an den Papst, der Hildegards Person und ihre Werke prüfen ließ. Nachdem ihr Tun als vollkommen rein befunden worden war, stieg ihr Ansehen noch mehr.
Neben religiösen Schriften verfasste Hildegard auch Gedichte und komponierte Choräle. Sie eignete sich offenbar auch gründliche Kenntnisse in der Natur- und Heilkunde an, so dass nicht nur wichtige Persönlichkeiten zu ihr kamen, sondern auch das einfache Volk mit seinen Leiden und Beschwerden. In ihrem dritten großen Werk »Liber divinorum operum« (Buch der göttlichen Werke), das in den Jahren 1163 bis 1170 entstand, zeigte sich Hildegards grundlegende Ansicht, dass alles im gesamten Kosmos miteinander in Beziehung steht, sich wechselseitig beeinflusst und in Gott untrennbar vereint ist. In ihren naturkundlichen Schriften katalogisierte sie an die 280 Pflanzen und Bäume und nannte deren Nutzen gegen Krankheiten und Leiden aller Art.
Trotz ihrer schwachen Konstitution erreichte Hildegard von Bingen ein hohes Alter. Sie starb am 17. September 1179 und wurde zunächst in der Kirche auf dem Rupertsberg beigesetzt. Später wurden ihre Gebeine nach Eibingen bei Rüdesheim übertragen, wo sie 1165 ein Tochterkloster gegründet hatte.
Viele Schriften Hildegards sind noch erhalten, und ihre naturheilkundlichen Erkenntnisse finden heute, vor allem im Bereich der Esoterik und New-Age-Bewegung, verstärkt Beachtung.

Darstellung: als Benediktinerin im schwarzen Habit am Schreibpult oder Almosen verteilend; als Visionärin

Attribute: Schreibpult und -feder, Buch (Verfasserin geistlicher und naturwissenschaftlicher Schriften), Brief (geschätzte Ratgeberin von Päpsten, Königen, Bischöfen und Ordensoberen), Kirchenmodell (Klostergründungen)

 

Quelle: Herder-Verlag

Dieser Text ist dem "Lexikon der Heiligen und Namenstage" entnommen. Albert Urban (Hg.), Herder-Verlag, Freiburg, 2010